Zustände, wie in der alten Wohnung

Ich bin krank. Eine Sommergrippe. Und irgendwie habe ich doch immer das Glück, dass immer dann niemand Zeit hat, einzuspringen, wenn ich wirklich einmal jemanden brauche. Mag sein, dass das nun ungerecht ist. Aber wie sonst soll ich es verstehen, wenn meine Mutter lieber wandern geht, meine Schwiegermutter ihren Bridge Nachmittag nicht absagen will, wo ich aber doch mit über 39 Grad Fieber im Bett liegen sollte. Statt dessen quäle ich mich durch den Tag, bin gereizt und schlapp, fix und fertig eben. Mein Mann konnte keinen Urlaub nehmen, ein Kollege war ebenfalls krank. Außerdem hatten wir die Gutmütigkeit des Chefs während der ersten Wochen seiner neuen Anstellung durchaus ausgereizt. Seine besorgten Anrufe machen mich noch gereizter, als ich ohnehin schon bin.

Ich will niemanden dazu zwingen, meinen Haushalt zu führen, aber versteht denn niemand, dass ich einfach nur Ruhe brauche und nicht drei Kinder und einen Hund versorgen kann, wenn ich kaum gerade stehen kann? Mein Vater will mir nicht einmal Kopfschmerztabletten aus der Apotheke holen, weil er dazu sein Auto aus der Garage holen müsste. Der Zorn macht alles noch schlimmer. Heute Vormittag habe ich schon kalt geduscht, aber es wird und wird nicht besser. Würde ich so reagieren, wäre die Hölle los.

Die Kinder fragen mich nur etwas, und schon könnte ich an die Decke gehen. Meine Lunge brennt, mein Hals tut weh und die Kopfschmerzen wollen und wollen nicht vergehen. Dass die Arbeit liegen bliebt, ist ja kein Problem, das kann ich nachholen, aber kann mir nicht wenigstens jemand eine Stunde lang die Kinder abnehmen, dass ich zum Arzt fahren kann? Mein Chef murrte auch rum, als ich mich krank meldete. „Lassen Sie mir das nicht zur Gewohnheit werden, ich verlasse mich auf Sie!“ Und das, nachdem ich die letzten Wochen schon die doppelte Stundenzahl, für die ich eingestellt wurde, gerackert habe. Außerdem bin ich nur krank, weil es mich auf dem Heimweg von den Überstunden abgeregnet hat.

Schon nach einem einzigen Tag herrschen hier Zustände, wie in der alten Wohnung, als wir mitten im Bau waren. Mein werter Gatte hat vor lauter Sorge um mich sein Frühstücksgeschirr liegen gelassen, Der Pyjama im Badezimmer auf dem Boden, das nasse Handtuch in der Dusche. Auch die Kinder hatten Chaos gemacht, wo sie nur einen Schritt gemacht haben. Zu allem Überfluss hatte meine liebe Familie unseren Dackel und seine Morgentoilette nicht als ihre Aufgabe betrachtet. Als ich aufstand, war der Gang überschwemmt und mein Bello mehr als schuldbewusst. Ich schimpfte den Hund nicht. Jedes Wort, das ich sage, hämmert in meinem Kopf.

Als die Kinder zu Hause waren, und sich in ihren Zimmern verzogen, um Hausaufgaben zu machen, rief ich den Arzt an. Zu essen gab es das, was es sonst nur in äußersten Notfällen gab: Eine Dose Ravioli; zu mehr war ich heute Mittag nicht in der Lage. Der Arzt hatte wie immer Mittwoch Nachmittags, zu. Seine Vertretung konnte erst am Abend kommen, so lange muss ich mich jetzt gedulden. Ins Bett gehen und die Kinder sich selbst überlassen? Nein. Aber durchhalten ohne ein einziges Medikament im Haus? Das wird schwer. Ich sehe seit Stunden der Uhr beim Ticken zu. Die zeit vergeht so langsam, wenn man etwas herbei sehnt. Sofort, wenn ich den Schlüssel von Torsten in der Türe höre, werde ich ins Bett gehen. Der Arzt kommt, dann kriege ich Medikamente. Dann ist das alles hoffentlich etwas besser. Ob ein Bad im Whirlpool in meinem Zustand gut ist? Ein Tee ist eine gute Idee. Warum bin ich da nicht schon eher drauf gekommen? Oh Gott, sieht die Wohnung aus! Na, vielleicht kann ich mich ja jetzt ein wenig aufraffen. Es tut gut, sich die schlechte Laune von der Seele zu schreiben.