Relikte aus der alten Wohnung

Einige Kartons waren nach dem Umzug doch über geblieben. Sie standen im Keller. Der Urlaub, den mein Mann und ich zwischen den Feiertagen hatten, wollten wir dazu nutzen, die letzten Überbleibsel zu beseitigen. Lange genug hat es gedauert, aber in den Schachteln waren ja auch Sache, die nicht so ohne weiteres wegzuräumen waren. Zwei davon waren noch aus der Junggesellenwohnung von Torsten, einer noch aus meinem Jugendzimmer. Meine Mädchen waren für die Gelenkpuppen, die sich darin befanden, aber mittlerweile alt genug. Die Frage war nur, hebt man solche Sachen für den nächsten Geburtstag auf oder gibt man sie zwischendurch? Ich fühlte mich beim Öffnen der Schachtel in meine Jugend zurück versetzt. Da waren sie, meine heiß geliebten und sorgsam gehüteten Puppen. Dass sie noch einen Umzug überstehen mussten, bevor sie wieder aus dem Karton heraus durften, wusste ich damals noch nicht, als ich sie fein säuberlich verpackte. Auch alle Kleider, einzeln in Tüten verpackt, waren noch gut erhalten. Das Kästchen mit den Schuhen, die Kutsche und die Pferde; alles da.

Torsten meinte, man solle sie den Mädchen gleich geben. Er hätte auch eine Überraschung für Sven. Auch er öffnete eine Schachtel und was war darin? Eine uralte Rennbahn, mit Autos und allem Zubehör. Da würde unser Junior sich aber freuen. Und tatsächlich. Wir riefen die Kinder zu uns und zeigten ihnen die Relikte aus unserer Jugend. Die Begeisterung war laut und deutlich zu hören. Ja, momentan war die Freude sogar größer, als am Heiligen Abend, als die Geschenke ausgepackt wurden. Die neuen Spielsachen waren vergessen. Sofort wurden die Kisten in die Kinderzimmer verschleppt. Nach wenigen Minuten war es absolut still im Haus. Nur ab und an hörte man noch einen Entzückensschrei der Mädels. Allerdings war mein Mann auch verschwunden. Ich brauchte nicht lange zu suchen: Er war bei Sven im Kinderzimmer, die Bahn aufbauen und ausprobieren. „Er kann das doch nicht alleine“, sagte er ganz schuldbewusst, als ich nachsehen kam. Ich gesellte mich zu den Mädchen, erzählte einige Geschichten, die ich mit meinen Puppen erlebt habe, dann entschied aber die Vernunft, mich den restlichen Kartons zu widmen.

Von den Schwiegereltern hatten wir kurz vor Weihnachten einen ausrangierten Schrank bekommen. Dieser stand nun im Keller und wartete auf die Skianzüge, die Faschingskostüme und alles andere, was man nur ab und an brauchte, was man aber nicht wegwerfen durfte. Immer wieder hielt ich in meiner Arbeit inne. Versonnen blickte ich auf die Kostüme, die die Kinder als Babys getragen hatten. Wie schnell die Zeit doch vergangen ist. Nun sind alle drei schon so groß, lassen sich kaum noch etwas dreinreden. Die Kostüme konnte ich nicht in den Müll schmeißen. Ich beschloss, einmal Silvia zu fragen, ob ich ihr das eine oder andere Teil mitgeben sollte. Mir war auch eingefallen, dass noch eine Tüte mit Babyspielzeug herum lag. Auch diese war bei den Sachen gelandet, die man gleich am Tage des Umzuges von der alten in die neue Bleibe nicht wegräumen konnte, weil einfach noch kein Stauraum dafür vorhanden war.

Nach einigen Stunden waren viele Sachen verstaut. Torsten und Sven, aber auch Sonja und Sarah waren nicht wieder aufgetaucht. Aber das war jetzt nicht so schlimm. Ich fand es viel wichtiger, dass die alten Spielsachen wieder Verwendung gefunden hatten. Am liebsten hätte ich mich selbst zu den Mädels gesetzt, um mitzuspielen. Aber die Verantwortung ließ mich nicht eher ruhen, bis die ganze Arbeit erledigt war. Es musste noch Essen gemacht werden, die Kinder mussten duschen, und ein wenig wollte ich den Urlaubsabend mit meinem Mann auch noch ohne die Kinder genießen. Endlich sind auch die letzten Kartons verschwunden. Morgen früh muss ich nur noch zum Wertstoffhof, das Altpapier und alles, was weggeworfen werden kann, zu entsorgen.